Schloss und Gut Liebenberg nach Fontane

„Fünf Schlösser“ sind in keinem Fall eine Fortsetzung der „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“. Fontane selbst verwahrt sich dagegen und auch die Form der Schrift hebt sich deutlich von den Wanderungen ab. War der große Schriftsteller für seine Wanderungen stets in Bewegung und lieferte er hier eine Zusammenstellung von Berichten ab, so sind die „Fünf Schlösser“ eine zeitaufwändig und auch deshalb genauestens recherchierte Sammlung historischer Spezialarbeiten1.

Schloss und Gut LiebenbergDie Verbundenheit der Familie Hertefeld mit dem Besitz und ihre anklingenden Gedanken über die Kindererziehung, die dramatischen Ereignisse in Napoleonischen Kriegen, der Übergang des Gutes von der Familie Hertefeld zur Familie Eulenburg.

Philipp zu Eulenburg

Philipp zu Eulenburg

All diese Details aus den Schilderungen Fontanes geben uns ein Bild über das Denken und Handeln der Protagonisten und ihres Umfeldes. Es lässt uns Ableitungen treffen auch in Hinsicht auf die nachfolgende Zeit.

Die Schizophrenie zwischen Nationalismus und Liberalismus verstehen wir vor diesem Hintergrund. Sie mündete auch in der Harden-Eulenburg-Affäre, kurz Eulenburg-Affäre. Dieser wohl größte Skandal des wilhelminischen Kaiserreiches vor dem ersten Weltkrieg war ein offener Schlagabtausch zwischen konservativ-nationaler Anschauung und Liberaler Auffassung und Handlung.

In Folge dieses Schlagabtausches und trotz der in der dieser Zeit in weiten Kreisen zumindest der oberen Gesellschaft bereits als überkommenen angesehenen Auffassung (und Gesetzgebung) von Homosexualität, gerieten Philipp zu Eulenburg und der „Liebenberger Kreis“ in Verruf.
Es war gleichzeitig der Anfang des Aufstieges einer vierten Macht – die Macht der Presse und der öffentlichen Meinung, wie sie uns in der heutigen Mediengesellschaft ständig begegnet.

Botho Siegwart Eulenburg - Sein Grab befindet sich im Schlosspark

Botho Sigwart

Schizophrenie setzte sich fort im Leben Botho Sigwart Graf zu Eulenburgs, ein Sohn Philipp zu Eulenburgs, der es als Komponist zu höherer Bekanntheit brachte.
Er war ein Anhänger Rudolf Steiners Anthroposophie, die einen individualistisch geprägten Menschen voraus setzt. Ein Ansatz der auch seinerzeit konträr betrachtet wurde. Nicht unwahrscheinlich, dass Botho Sigwart zu Eulenburg auf eigenen Wunsch deshalb am Rande des Innenparks von Schloss Liebenberg und nicht in der Familengruft begraben.

Libertas Schulze-Boysen

Libertas Schulze-Boysen

Und das Verständnis dieser Schizophrenie lässt uns auch weniger erstaunt zurück ob der Tatsache, das der spätere Schlossherr – und ihm im Gefolge fast das gesamte Dorf Liebenberg – im Jahr 1933 zu Anhängern der NSDAP wurden und daran auch festhielten, während sich kurz darauf ein anderes Mitglied der Familie von Partei und Idealen des Nationalsozialismus lossagte und im Seehaus zum aktiven Widerstand gegen die NS formierte. In der Person Libertas Schulze-Boysen, der Enkelin des Philipp zu Eulenburg, welche Ihre Kindheit auf Gut Liebenberg verbrachte, fand der Widerstand gegen die Nationalsozialisten seinen Ausdruck in der Gruppe der Roten Kapelle.
In der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg mit der Errichtung der sowjetischen Besatzungszone SBZ und in der sozialistische Zeit brach für Schloss Liebenberg eine Ära des Vergessens an.

Schloss, Gut, Dorf, Wälder, Felder und Jagdgebiet wurden entschädigungslos enteignet und gehörtem dem Volk bzw. der als Vertreter des Volkes angesehenen SED. Im Schloss wurden Wohnungen geschaffen, auch Lehrlingsunterkünfte, Büros, ein Lager, Frisiersalon, Arztpraxis und Kindergarten.

Die Verbundenheit von Land und Person(en) war aufgelöst – zumindest pro forma.

Das Seehaus wurde Ende der 1940er Jahre zum Sperrgebiet erklärt, bewacht von Angehörigen des Wachregiments Felix Dzierzynski.
Mitglieder des ZK der SED verbrachten hier ihren Urlaub, unter ihnen Wilhelm Pieck, Otto Grotewohl, Walter Ulbricht. Der Liebenberger Forst wurde im Jahr 1964 zum Staatsjagdgebiet erklärt.

Im Dezember 1989 forderten ca. 2000 Demonstranten vor das Seehaus Zutritt. Zumindest einer Delegation wurde dieser gewährt.

Im Jahr 1990 übernahm die PDS den Besitz, bevor er ein Jahr später zur Treuhand überging.

1996 wurden Schloss und Gut zum Kauf ausgeschrieben. Die Einwohner des Dorfes durften ihre Häuser erwerben. „Der Rest“ wurde von der Deutschen Kreditbank (DKB -hervorgegangen aus der Staatsbank der DDR) übernommen. Das Schloss wurde zum Hotel ausgebaut, das Seehaus als Tagungszentrum gestaltet. Auf dem Gut entstanden eine Galerie, Museum und ein Hofladen. Die Felder wurden verpachtet. Im Jahr 2005 übernahm die DKB-Stiftung für gesellschaftliches Engagement das Anwesen. Sie pflegt es nach den Grundsätzen des Denkmalschutzes und „fördert hier Kunst, Musik, Geschichtsdokumentation, Wissenschaft sowie Ausbildung“.

Hoppenrade – ein Schloss fernab der Wahrnehmung

Doch warum wählt eine dem kaufmännischen Debken nicht abgeneigte Organisation wie die DKB Schloss und Gut Liebenberg für ihre Prestigeprojekt? Warum liegt das benachbarte Hoppenrade – ebenfalls eines der „Fünf Schlösser“ noch immer im Dornröschenschlaf?

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