Der lederne Ritter Kahlbutz in Kampehl

Ein Ritter der nicht verwesen will. Schaurige Geschichte ranken sich um den ledernen Ritter Kahlbutz wo er auch in der Schreibweise „Kalebuz“ auftaucht. Ein Gutsbesitzer der zu Lebzeiten einen Meineid schwor und den die Strafe für seine Lüge erst nach seinem Tode ereilte spukte lange Zeit in Brandenburg.

Christian Friedrich von Kahlbutz wurde am 6. März 1651 in Kampehl in der Mark Brandenburg geboren. Als 24jähriger machte er sich als Fähnrich in der Schlacht bei Fehrbellin (1675) verdient, wurde von den Schweden gar am linken Knie verwundet. Als Trost erhielt Kahlbutz vom Kurfürsten Friedrich Wilhelm daraufhin das Gut Kampehl bei Neustadt an der Dosse als Erblehen geschenkt.

Man muß sich Kahlbutz wohl weniger als Ritter mit schimmernder Rüstung vorstellen, denn als gemeinen Gutsbesitzer. Die Bezeichnung als Ritter bezieht sich lediglich auf seine Mitgliedschaft in der märkischen Ritterschaft. Die ansonsten gängige Bezeichnung „Edelmann“ möchten wir angesichts der unten folgenden Beschreibung der Ereignisse um Kahlbutz eher vermeiden.

Kahlbutz heiratete Margarete von Rohr, und zeugte mit ihr elf Kinder. Doch auch ansonsten scheint Kahlbutz einen hervorstechenden Fortpflanzungstrieb besessen zu haben – etwa 30 weitere Kinder werden seiner Zeugungskraft zugeschrieben.

Ritter Kahlbutz starb im Alter von 52 Jahren und wurde in der Patronatsgruft der Kirche von Kampehl beigesetzt. Als im Jahr 1794 die Kirche renoviert werden sollte, öffnete man die Särge in der Gruft. Dabei stellte sich heraus, dass alle Leichen außer der des Ritters Kahlbutz verwest waren.

Der Körper des Ritters fand sich in einem mumifizierten Zustand. Mit lederner Haut, Resten von Haaren auf Kopf und Gesicht und intakten Fingernägeln fand man ihn in seinem Sarg aus Tannen- und Eichenholz.

In späteren Jahren wurde die Mumie des Ritter Kahlbutz von mehreren Koryphäen untersucht. Darunter Rudolf Virchow und Ferdinand Sauerbruch. Virchow öffnete im Jahr 1895 die linke Brustseite der Mumie und entnahm eine Leberprobe. Virchow vermutete vor allem einen Stoff, der die Mumifizierung bewirkt haben könnte, fand jedoch nichts dergleichen. Ferdinant Suerbruch machte sich im Jahr 1930 ans Werk. Am Ende seiner Untersuchung mußte er feststellen, dass der Körper keineswegs einbalsamiert war.

Auch die Berliner Charité untersuchte in den 1980er Jahren unter Leitung von Prof. Meinhard Lüning den 6,5 kg schweren und etwa 1,70 m großen Leichnam.
Die Ergebnisse der Computertomographie ließen Zweifel an der Identität der Mumie aufkommen. Kahlbutz war in der Schlacht bei Fehrbellin angeblich am linken Knie verwundet worden – Spuren einer solchen Knieverletzung konnten jedoch nicht gefunden werden. Handelte es sich vieleicht um die falsche Leiche oder war der Ritter Kahlbutz womöglich ein gerissener Simulant?

Bis heute konnte keine wissenschaftlich bewiesene Erklärung gefunden werden, warum Kahlbutz bis heute nicht verwest ist

Man nimmt aktuell an, dass der unverwüstliche Ritter Kahlbutz an einer Krankheit litt, die eine starke Abzehrung seines Leibes verursachte. Dies könnten Krebs, Muskelschwund oder Tuberkulose sein. Dafür spricht die Überlieferung, dass Kahlbutz am „eigenen Blut erstickt sein“, was auf einen Blutsturz als Todesursache deutet und gleichzeitig Symptom einer Lungenkrankheit wie Lungenkrebs oder Tuberkulose ist. Der so abgemagerte Leichnam konnte in der Gruft nun ideale Bedingungen vorfinden. Sozusagen Luftgetrocknet und ohne Nährboden konnte die Verlederung vollzogen werden – der Ritter wäre demnach also vertrocknet statt verwest.

Doch eine Mumie alleine macht noch keine Legende

Nun aber erzählt man sich folgende Geschichte: Der niederträchtige Ritter Kahlbutz soll den Schäfer Pickert aus Rache erschlagen haben, da dessen Verlobte, die Dienstmagd Maria Leppin dem Gutsbesitzer das „Recht der ersten Nacht“ verweigert haben soll.

Dieses „ius primae noctis“ war nun zwar ein Herrenrecht – doch bei den Untertanen ein recht unbeliebtes und so wurde Ritter Kahlbutz im Jahr 1690 vor das Gericht in Dreetz bei Neustadt zitiert. Die Anklage lautete auf Mord am Schäfer Pickert aus dem Nachbarort Bückwitz. Vor allem dass Kahlbutz sich mit dem Schäfer um die Größe des Weideplatzes gestritten haben soll, begünstigte die Erhebung der Anklage gegen den Gutsherren. Er habe die Grenzsteine zum Nachteil der Nachbarn versetzt, was der Schäfer Pickert wohl beobachtete und anzeigte. Als Tatort für den Mord wurde die Schwenzebrücke am Bückwitzer See genannt.

Nebenbei sei bemerkt: Ob in der Verhandlung das „Recht der ersten Nacht“ überhaupt Gegenstand war ist unklar. In den Quellen findet sich meines Wissens dazu nichts. Man kann vermuten, dass dies erst sehr spät hinzu gedichtet wurde (auch in „Sagen und alte Geschichten der Mark Brandenburg” von W. Schwartz, 1871 und in “Sagen aus der Grafschaft Ruppin un Umgegend” von Karl Eduard Haase, 1887 sind dazu noch keine Aussagen zu finden).

Doch Ritter Kahlbutz hatte einen letzten Trumpf im damals noch nicht ledernen Ärmel. Er schwor vor dem Gericht und bei Gott einen Reinigungs-Eid:

Wenn ich doch der Mörder bin gewesen, dann wolle Gott, soll mein Leichnam nie verwesen.

Ein solcher Reinigungs-Eid machte zu damaliger Zeit viel Eindruck und da das Wort eines Ritter wohl so viel zählte und wohl auch, da Zeugen für den Mord fehlten, wurde Kahlbutz freigesprochen.

Damit stehen alle Zustaten für eine Legende bereit.

Ritter Kahlbutz wurde schon bald öffentlich ausgestellt. Gegen Gebühr kann er nun besichtigt werden, um – wie Theodor Fontane seinerzeit bereits bemerkte – „das Spuk- und Sagenbedürfnis des Volks in dortiger Gegend“ zu befriedigen. Heute besuchen bis zu 100.000 Neugierige die Gruft.

Vor dem Eingang zur Gruft der rechteckigen Feldsteinkirche von Kampehl müssen Besucher geduldig anstehen, um in den Raum für gerade ein Dutzend Personen zu gelangen. Ist man an der Reihe, kann man der circa 20 minütigen – teilweise recht spröden – Führung folgen.

In der Holzkiste mit verglastem Sargdeckel kann der Ritter Kahlbutz bestaunt werden. Gefaltete Hände, den Schoß mit einem Tuch bedeckt liegt er nun da. Ledern und mager. Ein paar Haare und Bartstoppeln sind ebenfalls noch zu erkennen. Früher erzählte man sich, sie würden immer wieder nachwachsen. Eine mittelalterliche Turnierlanze und ein paar geschmiedete Helme bemühen sich den Mythos des Ritters aufrecht erhalten.

„Er liegt in der Sakristei – Lanz und Stiefel stehn dabei“. So steht es an der Wand des Restaurants „Ritterbutze“ am Durchgang zum neuen „Rittersaal“.

Besuchen kann man den Ritter Kahlbutz im kleinen Dorf Kampehl in der Nähe von Kyritz im heutigen Landkreis Ostprignitz-Ruppin zwischen April und Oktober täglich ausser Montags von 10 bis 12 Uhr und von 13 bis 17 Uhr. Zwischen März und April empfängt die Mumie Neugierige täglich ausser Montag und Dienstag zwischen 10 Uhr und 12 Uhr so wie zwischen 13 Uhr und 17 Uhr.

Im laufe der Jahre nahmen einige Zeitgenossen den Ritter Kahlbutz nicht all zu ernst

Während der Napoleonischen Kriege stellten ihn Soldaten im Jahre 1806 in ein Wachhäuschen und wollten ihn in der Kirche ans Kreuz nageln. Im Jahr 1913 wurde er einer Braut ins Bett gelegt. Man fand ihn einmal auf der Friedhofsmauer, ein anderes mal auf dem Dach der Schule. Einige Jahre stand er sogar im Wartezimmer einer Arztpraxis in Neustadt a.d. Dosse.

Der Fluch der Mumie

Laut mündlicher Überlieferung soll derartiger Schabernack natürlich stets auf die schrecklichste, übernatürliche Art und Weise bestraft worden sein. Der Geist des Ritters soll mehrere seiner Peiniger heimgesucht haben.

Eine davon lautet so: Französische Besatzer holten den Ritters Kahlbutz aus der Gruft, stellten ihn in ein Wachhaus und schaffte ihn in die Kirche. Sie begannen ihn an das Kreuz über den Altar zu nageln. Als sie daran gingen die die linke Hand festzunageln, fiel eben dieser Arm herunter und gab dem unten stehenden Franzosen einen Backenstreich. Dieser fiel leblos um – Schreck und schlechtes Gewissen hatten ihn getötet.

Ein anderes mal schimpfte einer der Soldaten, ein Deutscher aus dem Elsass, den Ritter ein Scheusal und einen Mörder. Er legt ihn dann verkehrt herum in den Sarg und forderte ihn auf, ihn zwischen elf und zwölf Uhr zu besuchen. Er werde ihn schon erwarten.
Am anderen Morgen fand man den Soldaten, der beim Schulzen im Quartier lag, auf seinem Lager tot – Blut lief ihm aus der Nase.
Die Franzosen behaupteten, er wäre ermordet worden. Ein Gericht aber stellte fest, dass Tür und Fenster verschlossen waren und niemand von aussen hatte in den Raum hinein kommen können.

Vor allem am Tatort an der Schwenzebrücke, wo Schäfer Picker tot aufgefunden wurde, hat man dem Ritter einige Merkwürdigkeiten zugeschrieben – Fußgänger spürten sein Gewicht auf den Schultern, Pferdekutschen kamen nicht vom Fleck.

Im Jahr 1900 sah man die Mumie auf dem Torweg entlang reiten. Später fand man sie an die Pfarrlinde gebunden. Einmal soll sich die Mumie auf den Rücken eines Burschen gehockt haben. Daraufhin verfiel dieser in Panik und raste sich zu Tode. Eine Rache des Ritter für eine Verspottung?

Im Jahr 1936 soll die Mumie des Ritter im Gutshaus randaliert haben. Sie riß des Nachts das Familienwappen (drei an einem Ring hängende Feuereimer) von der Wand. Zuletzt erschien sie 1946 auf dem Kampehler Berg. Dort soll sie einen Berliner „Hamsterer“ in die Flucht geschlagen haben. Letzeres wird vermutlich aber eine beabsichtigte Maßnahme der Dorfbewohner gewesen sein, um die Plünderung der Felder durch die vom Kriege ausgemergelten Berliner auf „Hamsterfahrt“ abzuschrecken.

Einige der schaurigen Geschichten des Ritters Kahlbutz waren Vorlage zum im Jahr 1998 produzierten Film „Spuk aus der Gruft“ mit Matthias Schweighöfer und Kurt Böwe.

Die Geschichten um die Heimsuchungen des Geistes von Kahlbutz ebbten erst ab, als der Ritter nur noch fest verschlossen hinter einer Glasscheibe ausgestellt wurde. Offensichtlich ist es doch möglich einen Spug wegzusperrren.

Ungesühnt scheint jedenfalls der Versuch der Muttergemeinde Neustadt – allen voran deren Bürgermeister, Edmund Bublitz – geblieben zu sein, den Ritter in die Stadt umzulagern. Man wollte die einträgliche Sehenswürdigkeit selbst ausstellen. Vordergründig wurde der Entführungsversuch damit begründet, dass man befürchte, die Kirche würde die Mumie verscharren wollen. Das Unternehmen konnte von Kampehler Bürgern und deren Pfarrer, Peter Freimark, vereitelt werden und endete in einem gerichtlichen Vergleich zwischen Stadt und Kirche, nach dem die Mumie in der Kirche blieb, jedoch zu gewährleisten sei, dass sie für die Öffentlichkeit zugänglich bliebe.

Nach seiner Würde wurde dem Ritter Kahlbutz auch noch der Name genommen

Beseelt von den Möglichkeiten der freien Marktwirtschaft (und vieleicht auch vom Alkohol) hat sich eine ostdeutsche Brauerei den Namen des Ritters als Schutzmarke eintragen lassen. Ritter Kahlbutz treibt nun sein Unwesen in den Ausprägungen „Hopfenstange“, „Männerstolz“ und „Liebestrank“.

Mit den Ritter Kahlbutz Bieren ist es gelungen, einer historischen Marke einen unverwechselbaren Charakter für Bierliebhaber zu verleihen.“ (Website ritter-kahlbutz.com)

Es ist zu erwarten, dass sich der unverweste Ritter Kahlbutz in einem unbeobachteten Moment im Grabe umdreht.

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